Die Lehre vom Blutsonntag: Wie erreicht man Aufklärung?
Trotz des sehr guten Hamburger Wetters (31° Grad Tagesspitzentemperatur) kamen ca. 35 Leute in den mondänen Bürgersaal im Ostflügel des Hamburger Rathauses. Moderiert wurde die Lesung von der stellvertretenen Fraktionsvorsitzenden der Partei "Die Linke", Frau Christiane Schneider. Ich hatte kurz vor der Veranstaltung die Möglichkeit, sie zu fragen, warum man das überhaupt aufgriff, und erfuhr von ihr, dass so eine Veranstaltung schon länger geplant war und sie beeindruckt war von der Resonanz des sogenannten "szenenischen Stadtteilrundgangs" zum Jahrestag des Blutsonntags, an dem ca. 300 Personen teilnahmen. Wie man sehen würde, wäre der Blutsonntag ein Ereignis, was Hamburg immer noch beschäftige. In einer Pressemitteilung hatte man dazu noch mehr geschrieben.
Herr Brack ist ein stilsicherer Autor, der wunderbar Vorlesungen abhalten kann. Zuerst hat er das Thema grob umrissen, die Herleitung, wie es überhaupt zu diesem Buch kam, angesprochen und dann aus dem Buch vorgetragen. Zum Einen, die Handlung, die erklärt, wie die Protagonistin Klara Schindler Augenzeugenstimmen zum Blutsonntag sammelt, zum Zweiten, mittels dieser Augenzeugenberichte eine konkrete Ahnung vom Ablauf des Tages zu gewinnen. Erstmals hat dabei Brack die genauen Todesumstände jedes einzelnen der insgesamt 18 Toten vorgetragen, sein Anliegen mit Blick auf den exponierten Vortragungsort. Es gibt keinen Zweifel: Die Heckenschützen waren nur Ausrede. Es gab sie nicht. Alle Toten starben unschuldig. Auch die damalige Hamburger Regierung hatte ihren Anteil am Geschehen: 14 der 16 Toten beim Blutsonntag starben durch Hamburger Polizeikugeln, die beiden anderen durch Altonaer Polizeitruppen. Beide Einheiten waren zu diesem Zeitpunkt demokratisch kontrolliert und damit eigentlich Wahrheit, Aufklärung und Offenheit verpflichtet.
Ein älterer Herr im Publikum konnte diverse Details ergänzen, etwa kannte dieser einen Mann, der mit einer Abordnung versucht hatte, den Altonaer Polizeipräsidenten Otto Eggerstedt davon zu überzeugen, den Marsch der SA nicht zuzulassen, die aber damit bekanntlich scheiterten. Später soll dann dieser Bekannte Eggerstedt im KZ Esterwegen wieder getroffen haben, wo dieser kurz vor seiner Ermordnung sein Bedauern ausgedrückt haben soll, falsch gehandelt zu haben.
Wichtig für mich, wichtig für diesen Blog, war die anschließende Diskussion. Ich kann die nicht zusammenfassen, dafür war es zu viel, ich möchte euch aber an meinen Gedanken teilhaben lassen.
Wieso hat es so lange gedauert, bis die vier unschuldigen Kommunisten gerichtlich rehabilitiert wurden (auch wenn deren Tod nicht rückgängig gemacht werden kann), trotz zwischenzeitlich parlamentarisch verabschiedeter Versuche wurde dies etwa in den 80'ern noch von der Justiz abgelehnt. Ist Zeit der entscheidene Faktor, bis große Lügen zugegeben werden können? 60 Jahre später waren sicherlich nicht mehr viele Entscheidungsträger von damals am Leben- schon gar nicht mehr im Amt.
Wieso brauchte es einen alten, eigentlich der Juristerei-fremden Historiker aus Frankreich, bis etwas passierte? Müssen immer Einzelne insistieren, und was bedeutet dies für uns als Gesellschaft, wenn es diese Einzelnen nicht gibt?
Was bedeutet es für unsere demokratische Gesellschaft, wenn, trotz eindeutigster Zeugenaussagen, ein Verbrechen, begangen von der Polizei, nicht aufgeklärt wird? Wie ein anderer Teilnehmer aus der Erfahrung der Demonstration von Nazis und antifaschistischer Gegendemonstration am 2.6.12 im Hamburger Stadtteil Wandsbek berichtete, im Gegenteil, noch heute dazu benutzt wird, um zu argumentieren, dass Wirken der Polizei damals sei Vorbild selbst für heutige Demonstrationen,wie man Straßenschlachten zwischen Linken und Rechten zu vermeiden hätte? Während man damals in Wirklichkeit den Weg für die Nazis freischoss bzw. heuer eine "Alternativroute" freiknüpptelte.
Was kann man gegen rechte Tendenzen innerhalb der Polizei unternehmen, die heute wie damals den militanten Gegenprotest zusammenknüppeln, währen der legalistische Naziaufmarsch aus falsch verstandener Grundrechte-Interpretation geduldet wird?
Wie sage ich es meinem freundlichen Polizeibeamten, dass Polizisten auch Verbrecher sein können und die Struktur der Polizei inhärent Verbrecher in den eigenen Reihen deckt, sei es Leutnant Kosa von den um sich schießenden SiPo 1932 beim Blutsonntag, sei es der Starke, der sich unmittelbar neben Kurras befand und eigentlich gesehen haben muss, wie dieser zielstrebig und unprovoziert Benno Ohnesorg erschoss und anschließend Kurras deckte und log und Beweise fälschte, oder die Polizisten, die nichts unternahmen, als der Asylbewerbes Yallow in seiner Zelle verbrannte und anschließend logen, oder seien es die vielen Berichte über entlarvte Agent Provovateurs bei großen Demonstrationen die letzten Jahre, selbst Steinewerfer der BFE oder auch bei Stuttgart 21. Die echten Polizisten, die aufrichtigen, denen Wolfgang Schorlau sein Roman "Das München-Komplott- Denglers 5. Fall" widmete, müssen doch aufschreien, Aufklärung fordern, statt dessen denken die meisten wohl, es sind alberne Verschwörungstheorien, so etwas würden die nicht machen, also ganz so, wie bei 9/11, wo die Naivität der Masse als Bankrotterklärung vor großen Lügen die eigentlichen Täter schützt.
Vorgeschlagen wurde hier, konkret, einen Antrag in der Hamburger Bürgerschaft zu stellen, eine Gedenktafel nicht nur wie bereits geschehen für die vier hingericheteten Kommunisten, Opfer des Faschismus, aufzustellen, sondern auch den Sechzehn anderen, letztlich Opfer des Parlamentarismus, zu gedenken. Dies wird automatisch eine Aufarbeitung der Rolle der Polizei nach sich ziehen. Weiterhin ist angeregt worden, etwa Vorlesungen auch für die Polizeigewerkschaft zu machen. Sowie auf die Ausstellung im demnächst neu eröffnenen Polizeimuseum einzuwirken, welche etwa zuerst die Zeit des Faschismus komplett ausparen wollte. Klar, niemand präsentiert seine eigenen dunken Seiten gerne- dennoch gehört dies zu einer Aufarbeitung dazu, auch die negativen, verdrängten Seiten hochzuholen und aufzubereiten, sonst sind wir doch verdammt, die Geschichte immer wieder zu wiederholen. Nur wer selbst die dunkelsten Seiten für vorstellbar hält, ist auch gefeit, diese rechtzeitig zu erkennen und daraus Resultierendes zu verhindern. Wobei ich wieder beim Thema bin: Wir brauchen ein Bewußtsein für faulen Terror und faule Methoden, damit wir immer als erstes fragen können: Können wir ausschließen, dass es sich um inszenierte Abläufe handelt, die bestimmten politischen Zielen dienen? Nur wenn wir das können, diese Frage sicher mit "Ja" beantworten, haben solche Methoden und die dahinterstehenden Verbrecher keine Zukunft mehr. Darüberhinaus bleibt die Erkenntnis: Einzelne müssen insistieren, auf Aufklärung beharren, immer wieder unseren Blick auf unbequeme Themen lenken- sonst passiert rein gar nichts.
Dirk Gerhardt
Seit 2002 als engagierter 9/11 Beobachter im Internet unter dem Namen Sitting Bull bekannt.
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